Wiener Kaffeehäuser – Das Ende einer Legende?

by admin on 20.9.2008

Ein trister, grauer Spätsommertag – oder ist es schon Spätherbst? – in Wien. Ich sitze im Hotelzimmer und kann einige melancholische Gedanken nicht unterdrücken, obwohl ich normalerweise ein eher sonniges Gemüt habe.  Die tristen, grauen Wiener Vorstadtstraßen mit ihren bröckelnden KuK-Fassaden, roh verputzten Mietskasernen und Ladenfronten, die seit 30, 40, oder 50 Jahren vor sich hin modern und einen fast realsozialistischen Charme versprühen, der Blick auf das einbetonierte Flüsschen namens Wien, die Hotelbar, wo ein Dimple die Krönung der Spirituosenauswahl ist; all das fügt sich nahtlos ins melodramatische Gesamtbild.

Aber eigentlich meine ich ja gar nicht solche Äußerlichkeiten, es geht mir um eine Grundfeste des Wiener Selbstverständnisses, etwas was diese Stadt von allen anderen Großstädten der Welt abhebt: das Kaffeehaus.

Das Kaffehaus ist so typisch für Wien wie Mozart, Prater und Opernball. Es geht dort nicht nur ums bloße Kaffee-Trinken, das Kaffeehaus ist seit Jahrhunderten Ausdruck Wiener Lebensgefühls, man spricht ja sogar von der “Kaffeehauskultur”.

In den letzten Jahren war ich einige Male dort und habe die Kaffeehäuser kennen und lieben gelernt. Nun bin ich beileibe kein großer Wien-Experte, aber irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass gewisse Erosionserscheinungen am “Denkmal” Kaffeehaus zu erkennen sind. Im Wettbewerb um den besseren Espresso lagen die Italiener ja schon immer deutlich  vorne, aber trotzdem war der Kleine Schwarze vielerorts in ordentlicher Qualität zu haben, ganz abgesehen von den typischen Spezialitäten wie Einspänner, Melange oder “Maria Theresia”, die für mich den eigentlichen Kaffeehaus-Charme ausmachen.

1. Akt: Auslöser meines Faibles für Kaffeehäuser war der Verzehr eines Topfenpalatschinkens mit einem “Café Maria Theresia” (im wesentlichen ein Espresso mit Schlag und Cointreau) im Café Dommayer in Hietzing. Die perfekt zubereiteten kleinen Genüsse in Verbindung mit dem geemütlichen Ambiente ließen das Dommayer zum Pflichtprogamm eines jeden Wien-Besuchs werden.

Beim Besuch gestern dann eine kleine Überraschung: Das Café heißt jetzt “Oberlaa Dommayer”, einige Tische wurden einer Kuchen-Verkaufstheke geopfert und die Karte umgekrempelt. Feilgeboten werden jetzt “Patisserien” der Konditorei Oberlaa. Zwar sind diese in durchaus vorzüglicher Qualität, die hausgemachten Palatschinken sind der Reform allerdings zum Opfer gefallen, wie übrigens auch der “Café Maria Theresia”. Wir haben es also mit einem typischen Fall von Outsourcing zu tun. Auf der Strecke bleibt Altbewährtes, das in der Herstellung zu teuer ist.

2. Akt: Nach einem ordentlichen Einspänner bestelle ich im Café Museum am Karlsplatz einen Kleinen Schwarzen und erhalte für satte 2,40 Euro ein espressoähnliches Getränk mit fast nicht vorhander weißer Crema, das aussieht und schmeckt wie aus dem Vollautomaten. Dabei kommt er sogar aus einem großen zweigruppigen Gastronomie-Siebträger. Ein Blick in Speisekarte klärt mich auf: Es werden “Jacobs-Kaffeespezialitäten” serviert. Schluck! Deutsche Großröster-Plörre in einem  Tempel der Österreichischen Kaffeekultur? Für “Kaffee-Mixgetränke” mag es ja noch reichen, aber pur ist das Zeug eine Zumutung.

Schaut man sich etwas im Lokal um, fällt auf, dass das Publikum zu 90% aus Touristen besteht, die ihren Reiseführer kurz auf dem Tisch ablegen und mit ihrer Digitalkamera das hübsche Interieur knipsen. Einheimische setzen offenbar nur selten ihren Fuß über die Schwelle des Etablissements, das vor einigen Jahren nach längerem Dornröschenschlaf weitgehend originalgetreu restauriert und mit großem Brimborium wieder eröffnet wurde. Dabei sind die Mehlspeisen – ein weiterer Grundpfeiler der Kaffeehauskultur – durchaus von guter Qualität, vor allem der Apfelstrudel ist vorzüglich. Aber wenn das Wichtigste nicht stimmt, also der Kaffee, dann hilft das eben nichts, und der Laden verkommt zu Touristen-Abzock-Station.

3. Akt: Im Café Wunderer, nur ein paar hundert Meter vom Dommayer entfernt, gibt es sie noch, die Topfenpalatschinken und den “Maria Theresia”, der hier allerdings rätselhafterweise “Mozart” heißt. Doch leider kann die Qualität bei weitem nicht mit dem Nachbarhaus mithalten. Die Palatschinken sind zu dick und der Kaffee “Mozart” schmeckt ziemlich langweilig. Und auch hier ist der Kleine Schwarze pur eine Enttäuschung.

Es gibt natürlich noch viele weitere Kaffeehäuser in Wien, und ich kann nur hoffen, dass meine Stichprobe von 3 Cafés statistisch nicht relevant ist. Oder sollten Starbucks und “Coffee to go” aus der Schnabeltasse letzlich doch damit Erfolg haben, die Gaumen der Wiener genauso immun gegen guten Geschmack zu machen wie beim Rest der Welt?

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