Wiener Kaffeehäuser – Der Tragödie zweiter Teil

by admin on 22.9.2008

Nach den überraschend enttäuschenden Erfahrungen der letzten Tage, habe ich mich entschlossen, den Kaffehaus-Test noch etwas weiter zu führen. Jetzt will ich es wirklich wissen…

4. Akt: Das Café Griensteidl befindet sich in bester Lage direkt an der Hofburg. Vom Interieur ein Bilderbuch-Kaffeehaus, in dem man sich eigentlich wohlfühlen könnte. Auch hier gibt es keine Palatschinken, dafür aber den “Maria Theresia”, der hier auch tatsächlich so heißt. Der ersatzweise bestellte Apfelstrudel ist mit viel gutem Willen bestenfalls als mittelmäßig zu bezeichnen, er ist sicher mindestens zwei Tage alt und entsprechend matschig. Der “Maria Theresia” schmeckt recht gut, was vor allem einem großzügigen Schuss Cointreau zu verdanken ist. Aber was ums Himmels willen sollen bloß die kleinen bunten Zuckerperlen auf der Schlagsahne (tschuldigung: dem Schlagobers)? Es handelt sich um genau das gleiche Zeug, das man in den siebziger Jahren in den Eisdielen so gerne auf den Hawaii-Becher gestreut hat. Die Kaiserin würde sich im Grabe umdrehen.

Zum Schluss noch den obligtorischen Kleinen Schwarzen, der wieder einmal verdächtig hell aussieht. Pur ist er nahezu ungenießbar. Ich habe in Deutschland selbst in chinesichen Restaurants, die sich ja nun wahrlich nicht der Zubereitung schmackhafter Kaffees verschrieben haben, schon deutlich besseren sogenannten “Espresso” aus dem Vollautomaten bekommen.

5. Akt: Hundert Meter weiter befindet sich “Der Demel”, nach Wiener Selbstverständnis quasi der Gralshüter von Kaffee und Kuchen in Wien. Im Café-Bereich stehen die Touristen schon Schlange, aber an der Theke unten ist noch ein Platz frei. Verheißungsvoll lächelt mich eine chromblitzende alte italienische Espressomaschine an. So richtig gemütlich ist es an der Theke nicht, also lasse ich es bei einem Stück Sachertorte und einem Espresso bewenden. Über Demels Sachertorte kann man natürlich nicht meckern, schließlich hat er sie ja auch erfunden, mir schmeckt sie aber nicht unbedingt besser als die Prinzregententorte im heimischen Café Max Emanuel in Oberschleißheim. Der Espresso braucht fast eine Minute, bis er durchgelaufen ist. Die Crema ist dunkel, was angesichts der langen Extraktion auf zu fein gemahlenen Kaffee hinweist. Der Kaffee schmeckt entsprechend etwas verbrannt. Im Vergleich zu den anderen  getesteten Schwarzen zwar immer noch eine Wohltat, aber der Preis von 2,80 Euro ist eine Frechheit. In Italien bekommt man an fast jeder Ecke für die Hälfte oder weniger etwas Besseres.

6. Akt: Meine nächste Station ist das Café Residenz im Schloss Schönbrunn. Sofas verbreiten Gemütlichkeit und Kronleuchter einen Hauch höfischer Eleganz. Die Kaffeeauswahl ist beeindruckend. Unter anderem ist dies das einzige Café , wo ich einen “überstürzten Neumann” gefunden habe, in etwa ein umgekehrter Einspänner. Um die Bustouristen zu befriedigen, findet in der Schaubackstube stündlich eine “Strudel-Show” statt. Der Apfelstrudel schmeckt tasächlich nicht schlecht, kommt aber interessanterweise nicht an den vom Café Museum heran. Der “Maria Theresia” ist vorzüglich, gefühlsmäßig scheinen sich Kaffee und Likör die Waage zu halten. Allerdings wird er erstaulicherweise in einem doppelwandigen durchsichtigen Kunststoffbecher serviert. Der hält zwar länger warm und läßt sich besser anfassen, ist aber doch etwas gewöhnungsbedürftig. Kleiner Schwarzer zum Schluß: genauso ernüchternd wie bei der Konkurrenz.

7. Akt: Fast schon zum Trotz gehe ich jetzt ins “Aida”, die Filiale einer Café-Kette, die es in Wien über zwei Dutzend Mal gibt. Corporate Identity in Schweinchen-Rosa, das Ambiente liegt irgendwo zwischen Eisdiele und Bahnhofsgaststätte. Die Zweier-Tische sind etwas so groß wie ein DIN-A3-Blatt. Überkandidelten Schnickschnack gibt es hier nicht, also bestelle ich nur ein Stück Apfelstrudel und einen Espresso. Ersterer wird auf einem Tellerchen serviert, das kaum größer als eine Untertasse ist, und ist eigentlich gar kein Strudel, da er aus Blätterteig ist. Naja. Geschmacklich ist er aber ganz ok, den Strudel vom “Griensteidl” schlägt er jedenfalls deutlich. Und siehe da: die Crema des Espressos ist deutlich dunkler als bei den Kollegen, wenn auch etwas arg spärlich geraten. Abgesehen vom Demel-Espresso war dies der einzige, den man schwarz einigermaßen trinken konnte, wenngleich er von einem “richtig guten” immer noch weit entfernt ist.

8. Akt: Auf dem Heimweg kurzer Boxenstop bei “Der Mann”, Verkaufsstand einer großen Bäckerei-Kette am Naschmarkt, gleich bei der Secession. Es gibt ein paar Sitzgelegenheiten, serviert wird Illy-Espresso aus einer La Cimbali. Der Doppelte für 2,10 Euro. Auch wenn er nicht optimal extrahiert war, war dies der beste Kafeee im Test.

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