Da auch am Abreisetag für einen geregelten Koffeinhaushalt gesorgt werden muss, entschließe ich mich mit dem Mut der Verzweiflung, noch einige weitere Cafés in Wien aufzusuchen. Und siehe da: Meine Hartnäckigkeit wird belohnt.
9. Akt: Das Café Schottenring gegeüber der Börse ist meine erste Anlaufstelle. Das Frühstück ist noch nicht lange her, also lasse ich es mit einem Kleinen Schwarzen bewenden. Und der ist gar nicht mal so schlecht. Zwar lässt er mich keine Verzückungsschreie ausstoßen, aber im Vergleich zu seinen Mitstreitern ist er deutlich besser. Ein Grund dafür mag auch sein, dass das Café seinen Kaffee selbst röstet und auch mehrere Sorten verkauft. Ein Päckchen dunkel gerösteter “Italiano” harrt zur Zeit auf die Verkostung
10. Akt: An der Kaffeetheke bei Meinl am Graben lacht mich eine imposante viergruppige Rancilio an. Da das Ambiente gleich neben den Kassen alles andere als einladend ist, wieder nur ein Espresso an der Theke. So wie er bei Demel zu langsam durchläuft, läuft er hier eindeutig zu schnell. In ca. 10 Sekunden ist die Menge eines anderthalbfachen in der Tasse. Aber der Espresso ist durchaus trinkbar, kommt aber nicht ganz an Demel oder Schottenring heran. Der Preis von 2,60 für einen Thekenkaffee ist natürlich ganz schön happig, aber wenn man bedenkt, welche Freudenhauspreise im angeschlossenen Feinkostladen selbst für normale Supermarktware verlangt werden, könnte man den Espresso fast schon als Schnäppchen bezeichnen.
11. Akt: Nach dem Mittagessen kehre ich zum Dessert in eine Wiener Institution ein, an der mich meine Wege erstaunlicherweise bisher immer vorbeigeführt haben: das altehrwürdige Café Central mitten im ersten Bezirk. Trotz des riesigen, hohen neugotischen Raumes könnte es im Central durchaus gemütlich sein, wenn man nicht wie ich zur Rush Hour in der Mittagszeit kommt. Hier gibt es wieder Palatschinken, wenn auch wie so oft die Topfen-Variante fehlt; also nochmal Marille… Das Central ist das einzige von mir besuchte Kaffeehaus, wo die Palatschinken nicht einfach nur lieblos auf einen Teller geklatscht, sondern optisch ansprechend angerichtet werden. Sie sind auch wirklich gut, reichen aber nicht ganz an die früher im Dommayer servierten heran. Der dazu bestellte Einspänner war perfekt.
Zum Schluss der Härtetest: der kleine Schwarze. Und o Wunder, dies war der erste Espresso in Wien, von dem ich sagen kann, dass er richtig gut war. Kräftig, aromatisch, nicht zu sauer und nicht zu bitter. Spielraum nach oben gibt es natürlich schon noch, aber man kann ich nicht nur trinken sondern auch genießen.
Damit ist das Café Central das einzige von mir besuchte Kaffeehaus in Wien, das ich guten Gewissens sowohl für den Kaffee als auch für die Mehlspeisen empfehlen kann. Nachdem ich schon befürchtet hatte, mein Test könnte in einem Fiasko enden, darf ich die Heimreise dann doch in versöhnlicher Stimmung antreten.